"Nahrhafte Dichtung. Enzyklopädisches Glossar zum Begriffsfeld 'Speise' in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters mit exemplarischen Analysen zu seiner Poetisierung"

Dissertationsprojekt von Mag. Katharina Zeppezauer-Wachauer, MA
(Betreuer: Wernfried Hofmeister, Universität Graz) 

Herzstück des Dissertationsvorhabens ist ein digitales Glossar der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Speisensprache in der deutschsprachigen, poetischen Literatur des Mittelalters. Der Begriff der Speisen- oder Nahrungsfachsprache bezeichnet keinen Technolekt im engeren Sinne, sondern den allgemeinsprachlich darauf zurückzuführenden Wortschatz in all seinen Facetten. Das bedeutet, dass im Rahmen einer dabei durchgeführten Wortschatzerschließung die jeweiligen Lemmata im Hinblick auf ihre fachliche sowie poetische Dimension zu prüfen sind. So finden nicht nur Zutaten (klobelouch) und Namen von Gerichten (holuntermuos) Erwähnung, sondern auch Arbeitsschritte (bestrîchen), Utensilien (kæsekar), Eigenschaften von Zutaten (veizt), Mengenbegriffe (hantvol) sowie Personenbezeichnungen (würzære), sofern diese in entsprechendem Kontext in den Texten vorkommen.

Poetische Texte weisen einen spezifischen Zugang zu Speisen- und Nahrungsfachsprache auf. Während Fach- und Sachtexte wie Kochbücher, diätetische Lehren, religiöse Speisenvorschriften, Rechnungsbücher, Stadtchroniken udgl. einen mehr oder weniger praktischen Nutzen aus der Speisensprache ziehen und die Lebensmittel, Gerichte, Zutatenbeschreibungen etc. zumeist möglichst authentisch wiedergeben, sucht die poetische Literatur häufig Anderes aus der Miteinbeziehung eines speziellen Wortschatzes zu gewinnen (und wählt das verwendete Vokabular daher auch entsprechend anders aus). Den größten Unterschied zwischen der Artesliteratur und der poetischen Literatur machen nicht das lexikalische Wortmaterial, sondern Kontext und Syntax aus (bzw. die Organisation symptomatischer syntaktischer Textmodule und –bausteine der jeweiligen Textgattungen, etwa die Strukturierung von Arbeitsanweisungen in Rezepten). Dieses Material dient in Epik und Lyrik im Hinblick auf seinen Gebrauch sowie die Wortschatzorganisation häufig der Poetisierung der Texte. Es kann sich dabei um rhetorische Tropen wie Metaphern, Metonymien, Synekdochen oder Ironien handeln, aber auch um die bloße Eröffnung eines gedanklichen Begriffsfeldes, die den darauf folgenden Text in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Das dem Projekt zugrundeliegende methodische sowie technische Paradigma ist jenes der (digitalen) Interdisziplinarität. Einzig sie kann der Polyvalenz, die konstituierend für die mittelalterliche Gesellschaft war, im Ansatz gerecht werden, und die Nahrungswelt jener Zeit zumindest einigermaßen rekonstruieren. Eine Nahrungswelt, auf die unsere heutige fachwissenschaftliche Spezialisierung nicht oder nur im Ansatz anwendbar ist, sondern die vielmehr das Zusammenspiel verschiedener moderner Fachgebiete voraussetzt. 

Das Werkzeug für die Umsetzung liefern die Digital Humanities (digitale Geisteswissenschaften in ihrer interdisziplinären Form). Zeitgemäßes geisteswissenschaftliches Forschen generiert sich über die Verfügbarkeit von digitalen Informationen und Werkzeugen – und zwar international sowie fortwährend abrufbar und kostenfrei. Die Prozesse der Gewinnung und Vermittlung geisteswissenschaftlicher Daten werden somit auch unter Berücksichtigung dieser interdisziplinären, digitalen Arbeits- und Medienwelt entwickelt. Das untersuchte Textrepositorium besteht v.a. aus der poetischen Literatur, jedoch auch aus der Artesliteratur, aus der relevante Hintergrundinformationen gezogen werden können. Die mittelhochdeutschen und frühneuhochdeutschen, poetischen Primärtexte umfassen den größten Teil der poetischen Literatur vom 12. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts und entstammen den Bereichen Artusdichtung, autobiografischer Roman, Aventiureroman, Heldenepik, höfischer Roman, Karlsepik, klassische Epik, kleinere Erzählungen, Fabeln, Lyrik, politische Dichtung, religiöse Prosa, religiöse Versdichtung, Schwank und Verserzählung.

Das für diese breit gefächerten poetischen Texttypen verwendete Repository ist trotz der zu erwartenden Datenmenge aufgrund technischer Hilfsmittel mit repräsentativer Genauigkeit untersuchbar: Als Belegstellenbasis werden alle in der Mittelhochdeutschen Begriffsdatenbank (MHDBDB) der Universität Salzburg eingepflegten Werke verwendet (Stand 18.05.2015: 658 unterschiedliche Texte; 10.420.318 Wörter), ergänzend außerdem die jeweiligen Texte in anderen/neueren Editionen bzw. anderen Überlieferungen (ad fontes). Die Zuhilfenahme der MHDBDB hat u.a. den Vorteil, dass ihre fortschreitende Lemmatisierungsarbeit automatisch auch zukünftig das MA-Speisenglossar vorantreibt, wenn eine kooperative Verlinkung der beiden Datenbanken aufrecht bleibt. Eingang in das MA-Speisenglossar fanden bisher v.a. jene Texte bzw. Lemmata, die einen Mehrwert für die Poetisierung des Forschungsgegenstandes ‚Speise‘ aufweisen sowie von germanistisch-hermeneutischer Relevanz sind. 

Die URL zum MA-Speisenglossar wird, sobald die erforderliche Erschließungstiefe erreicht wurde, an dieser Stelle gerne für interessierte Kolleginnen und Kollegen bekannt gegeben. 

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