Nachhaltigkeitskonstruktionen

Die planetarische Umwelt- und Klimakrise drängt mehr und mehr in das Zentrum des kollektiven Bewusstseins. Der Nachhaltigkeitsbegriff beherrscht dabei zunehmend die öffentliche und politische Debatte. Sowohl als normatives gesellschaftliches Leitbild verstanden als auch im Sinne der Zielsetzung eines umfassenden sozioökonomischen Wandels, ist Nachhaltigkeit geradezu omnipräsent.  

Wir verstehen unter dem aktuell gebrauchten Schlagwort der Nachhaltigkeit eine soziale Konstruktion gesellschaftlicher Ordnung. Damit beziehen wir uns auf die grundlegende soziologische Perspektive: Wie ist soziale Ordnung möglich? Von dieser Frage aus untersucht Soziologie: Welche Prozesse konstituieren Ordnungen? Wodurch werden Ordnungen reproduziert? Welche Machtverhältnisse und Ungleichheitsstrukturen sind in Ordnungen eingebettet? Der Schwerpunkt liegt damit auf der Verstetigung sozialer Ordnungen wie etwa Wirtschaftsordnungen, Ordnungen der familialen Reproduktion oder allgemein: soziale Ordnungen durch bestimmte kulturelle Praktiken.  

Dem Nachhaltigkeitsbegriff begegnen wir dabei jedoch mit Skepsis. Insofern inzwischen selbst CO2-intensive Wirtschaftszweige ‚Nachhaltigkeit‘ fest in ihr Marketingrepertoire aufgenommen haben, fehlt es dem Begriff an begrifflicher Schärfe, Wirkmächtigkeit und kritischer Substanz. Konstruktionen von Nachhaltigkeit bewegen sich vielfach innerhalb der Strukturen des globalen Kapitalismus und sind eng mit seinen spezifischen Denk- und Handlungsmustern verbunden. So konstruiert hält Nachhaltigkeit grundsätzlich an den Prinzipien der kapitalistischen Produktionsweise fest und bleibt somit strukturellen Wachstums- und Dynamisierungsimperativen verpflichtet. Es stellt sich in diesem Kontext daher auch die Frage nach den sozial-ökologischen Kosten von Nachhaltigkeit. Werden im Kontext der Orientierung am Leitbild der Nachhaltigkeit bestehende soziale Kosten, ökologische Schäden und andere Nebenfolgen der kapitalistischen Produktionsweise reproduziert oder entstehen gar neue? Beispielsweise tasten einige Nachhaltigkeitsstrategien, die in Reaktion auf die Klimakrise entwickelt wurden, ganz direkt Aspekte der Menschenrechte oder der Land- und Ressourcennutzungsrechte an.

Nachhaltigkeit bewegt sich innerhalb der Grenzen eines Wirtschaftssystems, das zu seiner Stabilisierung strukturell auf Wachstum angewiesen ist und nicht aus sich selbst heraus existieren kann. Zur Systemreproduktion ist es auf die Existenz einer stofflichen Basis und die immerwährende Zufuhr von materiellen und immateriellen Ressourcen angewiesen. Auch historisch betrachtet steht die Herausbildung und Konsolidierung kapitalistischer Produktionsmuster in engem Zusammenhang mit dem Zugriff auf jene (in erster Linie fossile) Ressourcen, die den nötigen ‚Treibstoff‘ für den kapitalistisch-industriellen Take-Off geliefert haben. Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts spielen Ressourcen nach wie vor eine zentrale Rolle für die Aufrechterhaltung dieser Wirtschaftsweise. Zwar wird im Kontext von Nachhaltigkeit von einer dematerialisierten Wirtschaft sowie einem schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen gesprochen, gleichzeitig ist jedoch vielerorts ein erweiterter Zugriff auf die Natur und ihre Ökosysteme zu beobachten.  

In Bezug auf Nachhaltigkeit als gesellschaftlich konstruiertes Ordnungsmuster fokussieren wir daher empirisch insbesondere auf materielle (z.B. Rohstoffe, geographische Räume, Verarbeitungsmethoden) und immaterielle (z.B. Kommunikation, strategische Konsumplanung, subjektive Potenziale) Ressourcen: Welche Ressourcen geraten vornehmlich in den Blick? Wie und unter welchen Bedingungen vollzieht sich die Rohstoffgewinnung, Produktion und Konsumption konkret? Welche sozialen Folgen, insbesondere in Bezug auf Verteilungsmuster, Ungleichheiten des Zugangs und des Konsums, politische Steuerung und Diskurse, kulturelle Alltagspraktiken und ökologische Veränderungen ergeben sich daraus?  

Im Forschungsbereich Nachhaltigkeitskonstruktionen setzen wir uns kritisch mit dem Diskurs um und den politischen und praktischen Konzepten von Nachhaltigkeit auseinander. Besondere Aufmerksamkeit schenken wir dabei den Aspekten ökologisch nachhaltiger Produktion und Konsumtion. Entlang ausgewählter empirischer Wirklichkeitsausschnitte wird in diesem Forschungsschwerpunkt die Frage nach den sozial-ökologischen Implikationen von Nachhaltigkeitskonstruktionen diskutiert. Dabei wird auch der Zusammenhang zwischen Handlungsmustern und Lebensstilen der Nachhaltigkeit und Strukturen globaler sozialer Ungleichheit beleuchtet.

Kornelia Hahn & Laurenz Bub

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