Abbildung: 1485303.JPG
Univ. Prof. Dr. Reinhold REITH
  • Rudolfskai 42
  • 5020 Salzburg
Tel:
43 (0) 662-8044-4761
Fax:
43 (0) 662-6389-4761
reinhold.reith@sbg.ac.at


Raum: 2032
Sprechstunde: Donnerstag von 14.00 bis 15.00 Uhr; in der vorlesungsfreien Zeit findet die Sprechstunde nur nach Vereinbarung statt.

Mitschrift von Johann Beckmanns Vorlesung zur Kameral- und Polizeiwissenschaft entdeckt - und digitalisiert

Die hier wiedergegebene Vorlesungsmitschrift nach Johann Beckmanns Vorlesung zur Kameral- und Polizeiwissenschaft aus dem Wintersemester 1777/78 stammt aus der Feder von Johann Heinrich Firnhaber (1). Firnhaber ist am 26. März 1754 in Hildesheim geboren und dort am 18. Mai 1816 gestorben. Nach Schulbesuch in Hildesheim studierte er 1775 bis 1778 Jura in Göttingen und ließ sich dann als Advokat und Notar in Hildesheim nieder (2). Während seiner Studienzeit hörte er bei Johann Beckmann die Kameral- und Polizeiwissenschaft, bei der dieser sich stark an J.H.G. von Justi orientierte. Beckmann gab 1782 auch eine dritte Auflage der "Policeywissenschaft" von Justi heraus, die er mit Anmerkungen und Kommentaren versah (3), wobei sich Beckmann offenbar über die Aufgabe des "vorsichtig kommentierenden Herausgebers" nicht herausgewagt hat (4). Johann Beckmann hat auf Justi auch in der Folge bei seinen eigenen Vorlesungen an der Universität Göttingen zurückgegriffen, wie eine weitere Nachschrift von 1809 zu seinen Vorlesungen über die Polizei- und Kameralwissenschaft zeigt (5). Handschriftliche Vorlesungsmitschriften - als Vorstufe von Lehrbüchern - erreichten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine erhebliche Zirkulation: Über eine weitere Vorlesungsmitschrift zu Beckmanns Vorlesungen über die "Technologie" hat Alois Kernbauer berichtet (6). Eine weitere Mitschrift bzw. ein Vorlesungskonspekt zur "Handlungswißenschaft" hat der russische Student Alexander Iwanowitsch Turgenev (1784-1845) hinterlassen, der 1802 bis 1804 in Göttingen studierte und bei Beckmann - der 1763 bis 1765 am deutschen Gymnasium in St. Petersburg gelehrt hatte - in doctrinam mercatoriam hörte (7). Alexander Turgenev, der Sohn des Moskauer Universitätsdirektors Iwan Turgenew, gilt als spiritus rector der ersten Generation von russischen Studenten an der Universität Göttingen (8). Eine weitere Vorlesungsmitschrift aus dem Sommersemester 1799 ist zu Beckmanns Vorlesung über die Landwirtschaft überliefert (9). Beckmann las auf der Grundlage seines 1769 erstmals erschienenen Buches " Grundsätze der teutschen Landwirthschaft", das er ständig erweiterte und das bis 1806 sechs Auflagen erlebte. Die Vorlesungsmitschrift gibt Aufschluss darüber, wie Beckmann z.B. neue Informationen über englische Innovationen in der Landwirtschaft zur Kenntnis genommen und weiter gegeben hat.


Doch zurück zu Firnhaber: Johann Heinrich Firnhaber hat 1782 mit einer Schrift zur Frage der Innungen Aufsehen erregt und in die zeitgenössische Diskussion, ob die Zünfte bzw. Innungen aufzuheben seien, eingegriffen (10). Firnhaber hat dabei einen abgewogenen Standpunkt vertreten. Einige der von ihm genannten Argumente werden heute in der internationalen Diskussion um die "guilds" wieder ins Feld geführt^(11). Firnhabers Erläuterungen sind auch von Michael Stürmer auszugsweise wieder abgedruckt worden (12). In dieser Schrift nimmt Firnhaber auch mehrmals auf den Göttinger Professor Bezug: "Der Hr. Professor Beckmann, den ich als meinen ehemaligen Lehrer stets verehren werde …" (13) Beckmann widmete dem Firnhaberschen Werk sogleich nach seinem Erscheinen eine Besprechung in der Physikalisch-Ökonomischen Bibliothek, und erinnert sich an "Firnhaber, dessen Geschicklichkeit mir schon bey seinem hiesigen Aufenthalte bekannt geworden …" Firnhaber ziehe den Schluss, "dem ich auch mit Überzeugung beypflichte, dass die Zünfte nicht so schädlich sind, als man sie hat ausgeben wollen …" Man könne das Buch "all denen empfehlen, welche sich mit der Polizey der Handwerke beschäftigen müssen, und man muß dem V. das Lob ertheilen, dass er sich mit den verschiedenen Handwerken weit genauer bekannt gemacht, als die meisten von denen Juristen, die über die Rechte oder Misbräuche derselben geschrieben haben." (14)

Das Collegium Johann Beckmann - als Arbeitskreis der Gesellschaft für Technikgeschichte - dankt Herrn Dr. Eberhard Firnhaber (Bielefeld), der uns das Original der Firnhaberschen Mitschrift in digitalisierter Form zur Verfügung gestellt und somit auch der Forschung zugänglich gemacht hat.

Faksimile von "Die ersten Gründe der Kameral= und Polizei=Wissenschaft vorgetragen von Johann Beckman(n) ordentlichem Lehrer der Oekonomie etc. in dem Winter-Halbiahre von 1777 biß 1778. Nachgeschrieben von J. H. Firnhaber."

Inhalt
[pdf-No.]: [Seitenbereich - Originalpaginierung]

_________________________
(1) „Die ersten Gründe der Kameral= und Polizei=Wissenschaft vorgetragen von Johann Beckman(n) ordentlichem Lehrer der Oekonomie etc. in dem Winter-Halbiahre von 1777 biß 1778. Nachgeschrieben von J. H. Firnhaber.“ Das Original befindet sich im Familienbesitz.

(2) Zur Biographie vgl. Eberhard Firnhaber, Johann Heinrich Firnhaber (1754-1816). Ein Hildesheimer Advokat und Schriftsteller – und ein Geheimnis, in: Hildesheimer Jahrbuch für Stadt und Stift Hildesheim 78, 2006, S. 89-113.

(3) J.H.G. von Justi, Grundsätze der Polizeywissenschaft. Dritte Ausgabe mit Verbesserungen und Anmerkungen von Johann Beckmann, Göttingen 1782 (1. Aufl. 1756, 2. Aufl. 1759).

(4) Birger P. Priddat, Die unbekanntere Seite: Joh. Beckmann als Herausgeber und Kommentator der Von Justi’schen „Policeywissenschaft“, in: Johann Beckmann-Journal 4, 1990, No. 2, S. 23-44, S. 23 (wieder abgedruckt in Günter Bayerl u. Jürgen Beckmann (Hg.), Johann Beckmann (1739-1811). Beiträge zu Leben, Werk und Wirkung des Begründers der Allgemeinen Technologie, Münster u.a. 1999, S. 119-135.

(5) Priddat, Die Unbekanntere Seite, S. 23. F. Scherff, Vorlesungen über die Polizei- u. Kameralwissenschaft von Joh. Beckmann, ordentlicher Professor der Philosophie und Kameralwissenschaften zu Göttingen. Angefangen: d. 6t Nov. 1809. Geendigt: d. 28t. März 1810. 5 mal wöchentl. Nachgeschrieben von F. Scherff (Universitätsbibliothek Göttingen Cod Ms. Philos. 12m).

(6) Alois Kernbauer, „Herrn Hofrat Beckmanns Vorlesungen über Technologie“. Ein Manuskript der Vorlesungen, wie er sie in den Jahren 1783 bis 1793 hielt, in: Johann Joseph Prechtl. Sichtweisen und Aktualität seines Werkes anläßlich 175 Jahre Technische Universität Wien, hg. von Ch. Hantschk, Wien u. Köln 1990, S. 13-19. Zu Mitschriften und Lehrbüchern: Jan Frercks, Disziplinbildung und Vorlesungsalltag. Funktionen von Lehrbüchern der Physik um 1800 mit einem Fokus auf die Universität Jena, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 27, 2004, S. 27–52.


(7) Gabriela Lehmann-Carli, Silke Brohm u. Hilmar Preuss, Göttinger und Moskauer Gelehrte und Publizisten im Spannungsfeld von russischer Historie, Reformimpulsen der Aufklärung und Petersburger Kulturpolitik, Berlin 2008. S. 37. Gabriela Lehmann-Carli, A. L. Schlözer als Rußland-Historiker, sein Göttinger Studiosus A. I. Turgenev und der russische „Reichhistoriograph“ N. M. Karamzin, in: Europa in der Frühen Neuzeit, in: Festschrift für Günter Mühlpfordt, hrsg. von Erich Donnert, Weimar 1997, S. 539-554.

(8) Reinhard Lauer, Russische Studenten in Göttingen im 18. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Elmar Mittler u. Silke Glitsch (Hg.), 300 Jahre St. Petersburg. Russland und die „Göttingische Seele“, Göttingen 2004, S. 323-339, S. 326.

(9) Vgl. Otto Ulbricht, Englische Landwirtschaft in Kurhannover in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Ansätze zu historischer Diffusionsforschung, Berlin 1980, S. 118-133. Das Manuskript „J. Beckmann Hefft über die Teutsche Landwirthschaft. Nachgeschrieben von H. M., Göttingen im Sommsem. … Göttingen 1799“ wird in der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (Hds. Abt. Nachlaß Beckmann, Nr. 9) aufbewahrt.

(10) Johann Heinrich Firnhaber, Historisch-politische Betrachtung der Innungen und deren zweckmäßige Einrichtung, Hannover 1782.

(11) Vgl. S.R. Epstein u. Maarten Prak (Hg.), Guilds, Innovation, and the European Economy, 1400-1800, Cambridge 2008.

(12) S. 106-111 u. 291-349 wieder abgedruckt in Michael Stürmer, Herbst des alten Handwerks. Zur Sozialgeschichte des 18. Jahrhunderts, München 1979, S. 312-322.

(13) Firnhaber, Historisch-politische Betrachtung, S. 361.

(14) Physikalisch-ökonomische Bibliothek worin von den neuesten Büchern, welche die Naturgeschichte, Naturlehre und die Land= und Stadtwirtschaft betreffen, … Von Johann Beckmann, Göttingen 1783, Bd. XII. 4. Stück, S. 506-508.

  • ENGLISH English
  • News
    Der diesjährige Dissertationspreis ging an den Mathematiker Dr. Markus Hittmeir für seine überragende Arbeit zum Faktorisierungsproblem.
    Die Österreichische Akademie der Wissenschaften vergab am 10. Dezember ihre diesjährigen Preise für exzellente Leistungen in der Forschung. Dipl. Ing. Dr. Volker Ziegler vom Fachbereich Mathematik wurde mit dem Edmund und Rosa Hlawka-Preis für Mathematik prämiert.
    In der 41. Salzburger Vorlesung stellt der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Roman Sandgruber sein neuestes Werk über den faszinierenden Aufstieg und Untergang des „Welthauses Rothschild“ vor.
    Im Juli 2018 wurde dem internationalen Forschungsprojekt "Processing Instruction for L3 English: Differences between balanced and unbalanced bilinguals? (PI-BI-L3)" die Finanzierung durch das österreichische Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF) und das mazedonische Ministerium für Bildung und Forschung (MON) vom österreichischen Austauschdienst (OeAD) Wettbewerb für 24 Monate (Laufzeit: 01.07.2018 - 30.06.2020) zugesprochen.
    Im Rahmen der Filmreihe "Filmclub Horizonte" zeigt das Salzburger Filmkulturzentrum "Das Kino" am Giselakai 11 in Salzburg am 13.12.18 und am 10.1.19 die beiden Filme "Leto" und "Breaking the Limits".
    Do. 13.12.2018, 18 Uhr c.t., HS E.002 (Unipark) - PD Dr. Görge K. Hasselhoff (TU Dortmund)
    Das DSP-Kolleg Popular Culture Studies veranstaltet im WS 2018/19 eine Ringvorlesung mit dem Titel "Approaches in Popular Culture Studies". Der zweite Termin findet am 14. Dezember von 11-13 Uhr im Unipark (Raum 2.138) statt und behandelt das Thema "Decolonlzotion and Postcolonial Clnema In Canada, Brazil, Australia and Nigeria ".
    Am Fr 14.12. hält Alexander Mirnig um 13 Uhr den Vortrag "Vom autonomen Fahren" und Werner Sattlegger referiert über "Innovation im Silicon Valley". Veranstaltungsort ist der Hörsaal 380, Haus der Gesellschaftswissenschaften, Rudolfskai 42.
    Dienstag, 18. Dezember 2018, 12:15 - 15:00 Uhr, HS 101 der Katholisch-Theologischen Fakultät (Universitätsplatz 1, Salzburg, EG) - Thema: Praxis als Anstoß zur Erkenntnis
    zugunsten von DEBRA Austria - Hilfe für die Schmetterlingskinder
    „Stille Nacht, heilige Nacht“ - ein Lied geht um die Welt: Am 24. Dezember 1818 stimmten Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber zum ersten Mal „Stille Nacht, heilige Nacht“ in Oberndorf bei Salzburg an. Von hier nahm das Lied seinen Weg rund um die Welt und wird heute zu Weihnachten von rund zwei Milliarden Menschen in über 300 Sprachen und Dialekten gesungen.
    Tagung "Gleichheit in Europa" aus Anlass des 100. Jahrestages der Einführung des Frauenwahlrechts in Zentral- und Westeuropa
  • Veranstaltungen
  • 13.12.18 „Stille Nacht, heilige Nacht“ - ein Lied geht um die Welt
    13.12.18 zugunsten von DEBRA Austria - Hilfe für die Schmetterlingskinder
    13.12.18 Simulation of nonlinear bending phenomena: convergence, self-avoidance and applications
    13.12.18 Vorträge der Salzburger Juristischen Gesellschaft
    14.12.18 „Stille Nacht, heilige Nacht“ - ein Lied geht um die Welt
    14.12.18 zugunsten von DEBRA Austria - Hilfe für die Schmetterlingskinder
    14.12.18 DECOLONIZATION AND POSTCOLONIAL CINEMA IN CANADA, BRAZIL, AUSTRALIA, AND NIGERIA
    15.12.18 „Stille Nacht, heilige Nacht“ - ein Lied geht um die Welt
    16.12.18 „Stille Nacht, heilige Nacht“ - ein Lied geht um die Welt
    17.12.18 „Stille Nacht, heilige Nacht“ - ein Lied geht um die Welt
    17.12.18 zugunsten von DEBRA Austria - Hilfe für die Schmetterlingskinder
    18.12.18 „Stille Nacht, heilige Nacht“ - ein Lied geht um die Welt
    18.12.18 zugunsten von DEBRA Austria - Hilfe für die Schmetterlingskinder
    19.12.18 „Stille Nacht, heilige Nacht“ - ein Lied geht um die Welt
    19.12.18 zugunsten von DEBRA Austria - Hilfe für die Schmetterlingskinder
  • Alumni Club
  • PRESSE
  • Uni-Shop
  • VERANSTALTUNGSRÄUME
  • STELLENMARKT
  • Facebook-Auftritt der Universität Salzburg Twitter-Auftritt der Universität Salzburg Instagram-Auftritt der Universität Salzburg Flickr-Auftritt der Universität Salzburg Vimeo-Auftritt der Universität Salzburg