Erwin Kräutler-Preis für kontextuelle Theologie, interreligiösen Dialog und befreiungstheologische Forschung

Ausrichtung des Erwin Kräutler-Preises für kontextuelle Theologie, interreligiösen Dialog und befreiungstheologische Forschung

Der Erwin-Kräutler-Preis für kontextuelle Theologie, interreligiösen Dialog und befreiungstheologische Forschung, der alle zwei Jahre vom Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen vergeben wird, möchte junge WissenschaftlerInen fördern, die sich mit jenen Fragen und Themenbereichen auseinandersetzen, für die sich Bischof Erwin Kräutler engagiert:

  • Politische Theologie, Befreiungstheologie
  • Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung
  • interkultureller und interreligiöser Dialog
  • Gender / Intersektionalität
  • soziale Gerechtigkeit / Solidarität / offene Gesellschaft
  • Globalisierungstheorien, Migration, kritische Entwicklungsforschung


Vorrangig berücksichtigt werden Dissertationen aus der Theologie oder aus einem ähnlichen Forschungsbereich, die in den letzten zwei Jahren vor Einreichungstermin fertig gestellt wurden.
Das Preisgeld beträgt € 3.000,-. Darüber hinaus wird die Möglichkeit angeboten, die prämierte Arbeit in der Reihe "Salzburger Theologische Studien - interkulturell" zu veröffentlichen.

Über die Vergabe des Erwin-Kräutler-Preises entscheidet eine Jury, die zurzeit aus fünf Personen besteht:

  • Univ.-Prof. Dr. Margit Eckholt (Universität Osnabrück)
  • Dr. Eneida Jacobsen (Villanova University, USA)
  • P. Christian Tauchner SVD (Steyler Missionswissenschaftliches Institut, Sankt Augustin bei Bonn)
  • Ao. Univ.-Prof. Dr. Alois Halbmayr (Universität Salzburg)
  • Univ.-Prof. DDr. Franz Gmainer-Pranzl (Universität Salzburg)

Für Konsultationen steht ein international besetztes advisory board zur Verfügung.
Das advisory board besteht aus folgenden Mitgliedern:

  • Dr. Arnd Bünker, Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut, St. Gallen
  • Univ.-Prof. DDr. Mariano Delgado, Universität Fribourg
  • Prof. DDr. Raúl Fornet-Betancourt, RWTH Aachen
  • Dr.in Magdalena Holztrattner, KSÖ, Wien
  • Dr. Martin Maier SJ, Secretary for European Affairs, JESC, Brüssel
  • Dr. Josef Mautner, KA, Salzburg
  • Univ.-Prof. Dr. Robert Schreiter CPPS, Catholic Theological Union, Chicago
  • Dr. Stefan Silber, Diözese Würzburg
  • em. Univ.-Prof. Dr. Franz Weber MCCJ, Universität Innsbruck
  • Rektor Univ.-Prof. Dr. Heinrich Schmidinger, Universität Salzburg
  • Univ.-Prof.in Dr.in Martha Zechmeister CJ, UCA, San Salvador

Zur Person von Erwin Kräutler

Erwin KräBarrierefreiheit: Kurzbeschreibung des Bildesutler wurde am 12. Juli 1939 in Koblach (Vorarlberg) geboren und trat 1958 in den Orden der „Missionare vom Kostbaren Blut“ (CCPS) ein. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie an der Universität Salzburg wurde Kräutler am 3. Juli 1965 zum Priester geweiht. Im selben Jahr ging er als Missionar in das Gebiet des Xingu, eines der großen Nebenflüsse des Amazonas in Nordostbrasilien. Am 2. September 1981 übernahm Kräutler die Leitung der Prälatur Xingu, der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens (354.000 km²) mit Sitz in Altamira (Bundesstaat Pará).

Erwin Kräutlers Tätigkeit als Bischof ist geprägt von einem unermüdlichen Einsatz für die Rechte der Indios und der marginalisierten und unterdrückten Menschen im Amazonasgebiet. Weder eine Festnahme durch Militärpolizei, bei der er zusammengeschlagen wurde (1983), noch ein Mordanschlag, bei dem Kräutler durch einen „Autounfall“ schwer verletzt wurde (1987), noch mehrfache Morddrohungen aufgrund seines Widerstands gegen das Staudammprojekt Belo Monte und seiner Anklagen einflussreicher Personen im Zusammenhang von sexuellem Missbrauch bzw. Prostitution von Kindern und Jugendlichen konnten ihn von seiner gelebten Option für die Armen abhalten.
Der bischöfliche Wahlspruch Erwin Kräutlers „Servus Christi Iesu“ (Diener Jesu Christi) ist Ausdruck seiner Lebenshaltung und Kennzeichen einer befreiungstheologischen Orientierung, die vielen Menschen eine echte Perspektive der Hoffnung eröffnet hat. Neben zahlreichen internationalen Auszeichnungen (u. a. mit dem Right Livelihood Award 2010) wurde Erwin Kräutler am 7. Oktober 2009 das Ehrendoktorat der Universität Salzburg verliehen.

Vierte Verleihung des Erwin-Kräutler-Preises

Gruppenfoto Erwin-Kräuter-Preis 2017 © Uni SalzburgZum vierten Mal wurde am 3. Oktober 2017 – im Rahmen der Eröffnung des Studienjahres 2017/18 – der „Erwin-Kräutler-Preis für kontextuelle Theologie und interreligiösen Dialog“ verliehen.

Dieser Abend war in zweifacher Hinsicht besonders: Zum einen wurde der Preis an zwei Theologen verliehen, nämlich an Dr. Sebastian Pittl für seine 2015 an der Universität Wien eingereichte Dissertation „Geschichte und Kreuz. Eine systematische Rekonstruktion des Ortes der Theologie im Denken Ignacio Ellacurías“ sowie an Dr. Stefan Silber für seine 2015 an der Universität Osnabrück eingereichte Habilitationsarbeit „Pluralität, Fragmente, Zeichen der Zeit. Aktuelle fundamentaltheologische Herausforderungen aus der Perspektive der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung“.
Zum anderen war der Namensgeber des Preises, Bischof Erwin Kräutler, persönlich anwesend. Er leitete den Abend im vollbesetzten Hörsaal 101 mit biographischen Gedanken ein, mit Hinweisen auf die Veränderung, die die Auseinandersetzung mit der Lebensrealität im Amazonasgebiet in ihm ausgelöst hatte, sowie mit Überlegungen zur bleibenden Bedeutung der Option für die Armen in der gegenwärtigen Gesellschaft. Rektor Heinrich Schmidinger verlieh seiner Freude darüber Ausdruck, dass die Universität Salzburg mit Erwin Kräutler einen ungemein prominenten Absolventen habe, der bis heute vielen Menschen als Vorbild diene. Landesrätin Martina Berthold griff in ihrem Grußwort Überlegungen von Erwin Kräutler aus einem seiner Bücher auf, in denen er sich dagegen aussprach, sich den sogenannten „Sachzwängen“ von Politik und Wirtschaft zu unterwerfen. Die Laudatio der evangelischen Pfarrerin und Theologin Maria Katharina Moser schließlich griff das Motiv des Fragmentarischen auf, das in den beiden ausgezeichneten Arbeiten eine wichtige Rolle spiele. Zudem mache die befreiungstheologische Reflexion deutlich, dass es Theologie und Kirche nicht um sich selbst gehe, sondern um die Welt und die konkreten Menschen von heute, vor allem um die Leidenden und Armen; Moser zitierte aus der Arbeit von Sebastian Pittl: „Theologie und Philosophie Ellacurías finden ihre tiefere Einsicht, so könnte man sagen, weniger ‚in‘ sich, als ‚außerhalb‘ ihrer selbst. Sie gewinnen ihre spezifische Identität gerade dort, wo es ihnen nicht mehr sich selbst, sondern um etwas anderes geht.“ In ähnlicher Weise betont Stefan Silber in seiner Studie, dass sich Fragmentierung „gegen universalistische und essentialistische Begriffe sowie gegen totalisierende theoretische Entwürfe“ sperre und Raum schaffe „für die Beschreibung von brüchigen Identitäten, die dynamisch bleibt und auf den (gewaltförmigen) Akt der Kategorisierung zu verzichten sucht“. Eigens angereist waren zu dieser Feier auch drei Mitglieder der Jury für die Vergabe des Preises: Prof. Michelle Becka (Universität Würzburg), Prof. Margit Eckholt (Universität Osnabrück) und P. Christian Tauchner SVD (Missionswissenschaftliches Institut Sankt Augustin bei Bonn). Tenor des Abends, der musikalisch von Gregor Unterkofler und Alexandra Lassnig-Walder sehr schön begleitet wurde, war die Überzeugung, dass eine nicht angepasste, sehr wohl aber wandlungsfähige Theologie der Befreiung angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen nötiger sei denn je. Zum Abschluss der Feier wurden zwei neue befreiungstheologische Publikationen vorgestellt: Die Arbeit von Stefan Silber, die als Band 58 in der Reihe „Salzburger theologische Studien, interkulturell 19) erschienen ist, sowie ein umfangreicher Sammelband: Franz Gmainer-Pranzl/Sandra Lassak/Birgit Weiler (Hg.), Theologie der Befreiung heute. Herausforderungen – Transformationen – Impulse, ebenfalls erschienen in den „Salzburger theologischen Studien (Band 57, interkulturell 18).

Dritte Verleihung des Erwin-Kräutler-Preises

Preisübergabe: Dr. Jacobsen, Prof. Eckholt und Prof. Halbmayr © Pressestelle der Erzdiözese Salzburg

Am 6. Oktober 2015 wurde der „Erwin-Kräutler-Preis für kontextuelle Theologie und interreligiösen Dialog“ zum dritten Mal vergeben: an Frau Dr. Eneida Jacobsen. Sie hat die Jury des Preises mit ihrer Dissertation Teologia e teoria política: Aproximações críticas entre correntes da teologia contemporânea e o pensamento político de Jürgen Habermas [Theologie und politische Theorie: kritische Annäherungen zwischen Tendenzen der gegenwärtigen Theologie und dem politischem Denken von Jürgen Habermas] überzeugt.  

Eneida Jacobsen wurde 1986 im Bundesstatt Espírito Santo (Südostbrasilien) geboren; sie studierte Theologie an der evangelisch-theologischen Hochschule Faculdades EST in São Leopoldo im südlichsten Bundesland Rio Grande do Sul und absolvierte ein Studienjahr an der Universität Göttingen, das vom Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes unterstützt wurde. Ihr Master- und Doktoratsstudium an der EST wurde von Prof. Rudolf von Sinner begleitet und vom Brasilianischen Wissenschaftsrat CNPq gefördert. Im Jahr 2013 studierte Eneida Jacobsen mit einem Stipendium der Wissenschaftsagentur CAPES als „visiting doctoral student“ am Princeton Theological Seminary in den USA. Nach ihrer Promotion in Theologie (2015) begann Eneida Jacobsen ein philosophisches Doktoratsstudium an der Villanova University (Philadelphia, USA). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Befreiungstheologie, Befreiungsphilosophie, Kritische Theorie, Sozialphilosophie und Politische Philosophie. Eneida Jacobsen hat viele wissenschaftliche Beiträge verfasst, ist Mitherausgeberin der Reihe „Teologia Pública“ (São Leopoldo) und hält Vorträge in Nord- und Südamerika, Afrika und Europa.  

Die Beziehung zwischen der Gesellschafts- und Kommunikationstheorie von Jürgen Habermas und (befreiungs-)theologischen Diskursen sieht Eneida Jacobsen im Zusammenhang von Lebenswelt, Öffentlichkeit und politischem System gegeben. Eine lebensweltlich verankerte Theologie, so die zentrale These dieser Dissertation, weist ein demokratiepolitisches Potenzial auf, das – auf Grundlage eines Dialogs zwischen der politischen Theorie von Habermas und gegenwärtigen Ansätzen der Befreiungstheologie/öffentlichen Theologie – für den in der Öffentlichkeit geführten kommunikativen Prozess fruchtbar gemacht werden kann. Der innovative Beitrag dieser Dissertation, Befreiungstheologie als öffentliche Theologie weiterzuführen, hat dem Diskurs politischer Theologie zweifellos einen wichtigen und anschlussfähigen Impuls vermittelt.

Zweite Verleihung des Erwin-Kräutler-Preises

Barrierefreiheit: Kurzbeschreibung des BildesDer zweite „Erwin-Kräutler-Preis für kontextuelle Theologie und interreligiösen Dialog“ wurde am 7. Oktober 2013 an Frau Dr. Barbara Lukoschek vergeben. Ihre im Jahr 2012 an der Universität Tübingen eingereichte Arbeit trägt den Titel:

„Weisheit der Befreiung im Dialog. Engagierter Buddhismus und Befreiungstheologie im Vergleich ihrer wirtschaftsethischen Perspektiven und praktisch-theologischen Konsequenzen“.

Angesichts der globalen Herausforderungen des Armutsproblems und der Wirtschaftskrise verfolgt Barbara Lukoschek in ihrer Dissertation das Anliegen, einen interreligiösen Beitrag zur Orientierung zu leisten, der in die Tiefe der religiösen Welt- und Selbstdeutung des Menschen hineinreicht: Welche Wege der Analyse und Bewältigung weisen das Christentum und der Buddhismus auf? Und wie können sich diese gegenseitig ergänzen und bereichern?

Lukoschek entschlüsselt mit schwerpunktmäßigem Bezug auf den Jesuiten Aloysius Pieris (Sri Lanka) und den Theravāda-Mönch P.A. Payutto (Thailand) die ethische und soteriologische Systematik hinter den Positionen der Befreiungstheologie und des Engagierten Buddhismus. Wirtschaftsethisch konkretisiert wird der komparative Ansatz durch den interdisziplinären Brückenschlag zu den Wirtschaftswissenschaftlern Franz Josef Hinkelammert und Karl-Heinz Brodbeck. Er mündet in einer kritisch-konstruktiven Analyse des gegenwärtigen Wirtschaftssystems des totalen Kapitalismus im Kontext neoliberaler Globalisierung. Mit der Untersuchung der von Pieris und Payutto eingeschlagenen Wege zur Überwindung des Mammon in psychologischer und soziologischer Dimension deckt Lukoschek das sowohl in der Befreiungstheologie als auch im Engagierten Buddhismus integrierte Komplementaritätspaar „Freiheit“ und „Hingabe“ auf. Der Dialog zwischen der Befreiungstheologie und dem Engagierten Buddhismus eröffnet Wege zur vertieften Integration beider einander ergänzender und korrigierender Pole.

Barbara Lukoschek studierte Katholische Theologie, Anglistik und Psychologie an den Universitäten Münster und Freiburg sowie in Exeter (UK), war von 2005-2008 Kollegiatin und Stipendiatin des interdisziplinären Graduiertenkollegs „Globale Herausforderungen – transnationale und transkulturelle Lösungwege“ an der Universität Tübingen und absolvierte das Promotionsstudium in Ökumenischer Theologie und Dogmatik an der Universität Tübingen. 2009/10 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Didaktik des katholischen Religionsunterrichts und der Religionspädagogik (Universität Tübingen, Prof. Georg Langenhorst).

Die feierliche Preisverleihung fand am Montag, 07.10.2013 um 18.00 Uhr an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg statt.

Erste Verleihung des Erwin-Kräutler-Preises

Verleihung an Birgit WeilerAm 7. Oktober 2011 wurde der Erwin-Kräutler-Preis zum ersten Mal vergeben. Ausgezeichnet wurde Dr. Birgit Weiler MMS für eine Arbeit, mit der sie 2011 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M. promoviert wurde:

„Mensch und Natur in der Kosmovision der Aguaruna und Huambisa und in den christlichen Schöpfungsaussagen. Eine vergleichende Studie zum interkulturellen und interreligiösen Dialog im Kontext Perus in praktisch-theologischer Perspektive
(Forum Religionspädagogik interkulturell, 19), Berlin 2011.

 

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