18.12.2017

Das "Hochstapler-Phänomen": Gefühltes Versagen bei realem Erfolg

Auf der Karriereleiter nach oben stehen sich manche High Potentials selbst im Weg, weil sie von starken Selbstzweifeln geplagt werden. In der Wissenschaft ist das Phänomen, dass sich nach außen hin erfolgreiche Leistungsträger innerlich als Hochstapler wahrnehmen, als „Impostor-Phänomen“ oder „Hochstapler-Phänomen“ bekannt.

Die Salzburger Arbeitspsychologin Mirjam Zanchetta hat dafür Gründe und mögliche Interventionen untersucht. Bis zu 70 Prozent der berufstätigen Personen sind schätzungsweise - zumindest vorübergehend - davon betroffen. In ihrer neuesten Studie hat Zanchetta nachgewiesen, dass ein spezielles Coaching-Programm hilft.

Ein Hochstapler ist einer der vorgibt mehr zu sein als er ist. Vom „Hochstapler-Phänomen“ oder „Impostor-Phänomen“ (Englisch „Impostor Phenomenon“) spricht man in der Psychologie hingegen, wenn sich jemand für einen Hochstapler hält, obwohl er keiner ist. Im Gegenteil: Die Betroffenen liefern beste Leistungen und werden von anderen für fähig gehalten. Innerlich sind sie aber davon überzeugt, dass sie eigentlich nichts können. Gefühltes Versagen bei realem Erfolg.

Vor knapp 40 Jahren (im Jahr 1978) wurde das Impostor-Phänomen von den amerikanischen Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes erstmals beschrieben. Sie beobachteten, dass viele sehr erfolgreiche Frauen glauben, dass sie nicht besonders intelligent wären und ihre Leistungen von anderen überschätzt würden. Die Betroffenen führen ihren Erfolg auf Glück, Umstände oder Zufall zurück und sehen ihn bestenfalls als Produkt ihres Fleißes. Sie sind unfähig, an ihre eigenen Leistungen und Fähigkeiten zu glauben und leben in der Angst, als Betrüger aufzufliegen.

„Sie befinden sich in einem Teufelskreis aus Selbstzweifel, Angst, Stress und übermäßigem Arbeitseinsatz“, sagt Mirjam Zanchetta (vorm. Neureiter), Universitätsassistentin an der Abteilung für Wirtschafts- und Organisationspsychologie der Universität Salzburg. Zanchetta war im Jahr 2012 die erste, die das Hochstapler-Syndrom im wirtschaftlichen Bereich untersucht hat. Sie hat mit der Salzburger Psychologieprofessorin Eva Traut-Mattausch mehrere Studien durchgeführt, in denen sie die Folgen des Hochstapler-Phänomens auf die Karriereentwicklung beleuchtet hat.

„Das Hochstapler-Phänomen ist ein klassischer Fall von Selbstsabotage, haben unsere Forschungen gezeigt. Wir haben zum Beispiel gefragt, wie würden Sie mit höheren Positionen umgehen, die Ihnen angeboten werden. Das Ergebnis: Je höher die Impostor-Werte waren, desto geringer war das Annahmepotential. Wenn Menschen mit Hochstapler-Phänomen tolle Stellen angeboten bekommen, lehnen sie sie meist ab, aus der Angst heraus, als inkompetent entlarvt zu werden“, so Zanchetta.

Warum das Interesse an dem Phänomen in den letzten Jahren deutlich gewachsen ist - auch Facebook Managerin Sheryl Sandberg hat es beispielsweise öffentlich thematisiert-, erklärt Zanchetta mit der wirtschaftlichen Relevanz. „Auf dem Arbeitsmarkt wird der Kampf um Talente, um die besten Köpfe immer stärker. Jedes Unternehmen möchte exzellente Nachwuchskräfte. Aber oft brechen diese dann - zur Enttäuschung der Unternehmen -  ihre Karrieren ab, aus scheinbar völlig unerklärlichen Gründen.“

Die verschärfte Konkurrenzsituation zwischen den Mitarbeitern und der Trend zum Selbstmarketing würden das Hochstapler-Phänomen zudem befördern. „Früher gab es mehr Zeit, aus Fehlern zu lernen. Heute ist das schwerer. Man will nicht negativ auffallen, weil einem dann eventuell eine andere Person in der Karriereentwicklung vorgezogen wird. Das führt dazu, dass es zwischen den Mitarbeitern keinen Austausch mehr gibt. Man redet mit Kollegen und Kolleginnen nicht über eigene Schwierigkeiten. Die Personen bleiben bei sich, halten sich innerlich für nicht gut genug, geben aber nach außen das Bild des Kompetenten.“

Lange Zeit wurde es betrachtet als ein Phänomen, das nur Frauen betrifft. Inzwischen tritt es immer öfter auch bei Männern auf, beobachtet die 30jährige Psychologin. „Das hängt vor allem damit zusammen, dass es auf dem Arbeitsmarkt für Männer eine immer größere Konkurrenz gibt, auch zu Frauen.“  Laut weltweiten Studien machen Männer ungefähr ein Drittel der Personen aus, die vom Hochstapler-Phänomen betroffen sind. In ihren eigenen Untersuchungen hat Zanchetta sogar fast einen Gleichstand zwischen Männern und Frauen gefunden.

Genaue Zahlen zur Prävalenz des Hochstapler-Phänomens gibt es nicht, weil Langzeitstudien fehlen. Ging man ursprünglich davon aus, dass es ein unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal ist (ein „trait“), so wird es in jüngerer Zeit meist als phasenweise Reaktion auf bestimmte Ereignisse gesehen (als „state“), eine Auffassung, die auch Mirjam Zanchetta vertritt. Schätzungsweise bis zu 70 Prozent der berufstätigen Menschen sind im Laufe ihres Lebens zumindest einmal vom Hochstapler-Phänomen betroffen.

Und was hilft dagegen? Als erfolgreich und nachhaltig hat sich ein spezielles Coaching-Programm erwiesen das die Salzburger Forscherinnen Mirjam Zanchetta, Eva Traut-Mattausch und Anna Muck entwickelt haben. Die Studie dazu wurde eben abgeschlossen und wird in Kürze publiziert.  100 ausgewählte Nachwuchskräfte in Wirtschaftsunternehmen, die Tendenzen zum Hochstapler-Phänomen aufwiesen, nahmen daran teil. Ein Drittel bekam ein Einzelcoaching, das auf Reflexion ausgerichtet war, ein weiteres Drittel bekam ein Gruppentraining mit dem Fokus auf Wissensvermittlung, und das dritte Drittel stellte die Kontrollgruppe dar.  Während das Training nur kurzfristig half, erwies sich das Coaching als nachhaltig, sagt Zanchetta.

„Wir haben beim Coaching an den Punkten angesetzt, die wir in der Forschung identifiziert haben wie den Umgang mit Fehlern und die sogenannte Selbstwirksamkeits-Erwartung, das heißt wie stark können die Personen wahrnehmen, dass das was sie erreicht haben auf ihren eigenen Fähigkeiten beruht. Wir haben also einerseits Fehlerfreundlichkeit trainiert, andererseits bekamen die Betroffenen gezielte Rückmeldungen von Vorgesetzten über die eigenen Fähigkeiten, und sie haben gelernt, die eigenen Erfolge zu benennen und so ein Gefühl für ihre Selbstwirksamkeit zu bekommen.“ Dass das Coaching eine anhaltende Wirkung hat, war in einer follow-up-Messung klar ersichtlich: Die Werte für das Hochstapler-Phänomen sanken weiter. Zusätzlich zum Coaching kann es manchen Menschen helfen, familiäre Prägungen zu erkennen, sagt Zanchetta.

Und was kann jeder für sich tun? „Sich mit anderen austauschen, darüber reden oder lesen, hilft, aus dem geheimen Erleben und Leiden herauszukommen“ rät Zanchetta.

Aber ist es nicht normal und gesund, ab und zu Selbstzweifel zu haben oder anders gefragt, wird das Hochstapler-Phänomen möglicherweise überbewertet? „Es ist tatsächlich ein schmaler Grat zwischen den beiden Polen, es banal wirken zu lassen und es als schwere Krankheit zu sehen. Es ist irgendwo dazwischen, es hat aber Gewicht.“

Es gibt übrigens auch ein gegenteiliges Phänomen: den sogenannten Dunning-Kruger-Effekt. Inkompetente Menschen neigen dazu, die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen, während sie tatsächliches Können anderer, kompetenterer Personen unterschätzen.

Kontakt:  

Dr. Mirjam Zanchetta (vorm. Neureiter), BSc, MSc, Fachbereich Psychologie, Universität Salzburg, Hellbrunnerstraße 34, 5020 Salzburg, mirjam.zanchetta@sbg.ac.at, t. +43 662 8044-5121

Univ.-Prof. Dr. Eva Traut-Mattausch, Leiterin der Abteilung Wirtschafts- und Organisationspsychologie, Fachbereich Psychologie, Universität Salzburg, Hellbrunnerstraße 34, 5020, Salzburg, eva.traut-mattausch@sbg.ac.at, t. +43 662 8044-5110

Foto: Dr. Mirjam Zanchetta
Fotonachweis: Kolarik

 

Mag. G. Pfeifer

PR-Leitung

Universität Salzburg

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Quelle: Universität Salzburg

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