02.09.2020

CoViD-19 und die Medien: Zerstörung oder Renaissance?

Nachrichtenmedien zählen in der CoViD-19 Pandemie zur kritischen Infrastruktur. Regierungen weltweit greifen den Medien finanziell unter die Arme, lassen aber die Gelegenheit für strukturelle Reformen verstreichen. Während sich das werbebasierte Geschäftsmodell vieler Medien auflöst, schätzen die Menschen deren Berichterstattung und das Vertrauen in die Medien steigt wieder.

Soziale Medien verlieren hingegen an Glaubwürdigkeit. Das sind einige Ergebnisse des globalen Forschungsprojektes Media for Democracy Monitor 2020 (MDM), das Kommunikationswissenschaftler unter dem Dach der Euromedia Research Group im ersten Halbjahr 2020 in 18 Ländern weltweit durchgeführt haben. www.euromediagroup.org/mdm

Zwei Trends charakterisieren die Medienlandschaft der Länder des MDM Forschungsprojektes seit dem CoViD-19 bedingten Lockdown im März 2020:

Erstens haben nahezu allen Nachrichtenmedien an Reichweite und an Vertrauen gewonnen. Dies betrifft alle Mediengattungen, das öffentliche-rechtliche genauso wie der privat-kommerzielle Fernsehen, Zeitungen, Radio sowie die Online-Medien.

Zweitens schlägt die Krise in Handel und Industrie direkt auf die Finanzierungsgrundlage jener Medien durch, die sich hauptsächlich oder zu großen Teilen aus Werbung finanzieren. Als Daumenregeln kann gelten, dass 30 bis 50 Prozent der Werbeeinnahmen im Vergleich zu den Vorjahren ausgefallen sind. In der Folge haben weltweit hunderte von Tageszeitungen den Druck auf Papier eingestellt, und erscheinen nur noch online. Der Direktor des Verbandes der Kanadischen Fernsehveranstalter stellt fest: „Mit wenigen Ausnahmen sprechen wir hier vom Aussterben der gesamten kanadischen Medienindustrie.“

Inhaltsanalysen haben gezeigt, dass CoViD-19 bis zu 70 Prozent der Berichterstattung der Nachrichtenmedien ausgemacht haben und wohl immer noch ausmachen. Gleichzeitig haben die digitalen Plattformen (alias „Social Media“) noch nie so viele Falschinformationen verbreitet wie während der Pandemie.

Die nationalen Regierungen haben den Medien finanziell unter die Arme gegriffen, selbst jene, die bisher jegliche Form von Mediensubventionen entrüstet abgelehnt haben. Dazu zählen etwa Deutschland, das einen Fonds mit € 200 Millionen für die Medien aufgelegt hat, aber auch Großbritannien (£ 35 Millionen, € 39 Mio.) und Kanada. Auch Finnland hat sein längst aufgegebenes Subventionsregime reanimiert. Andere Länder haben die bestehenden Subventionen aufgestockt, so hat Österreich die Presseförderung um den Faktor 1,5 erhöht, und Einmalzahlungen an die privaten Fernsehveranstalter beschlossen. Schweden hat zusätzliche € 70 Millionen bewilligt, und die Niederlande haben zunächst € 10 Millionen für die Medien zur Verfügung gestellt, mit der Perspektive, im Herbst weitere € 24 Millionen nachzuschießen.

Diese Subventionen verfolgen den Zweck, Jouralist*innen im Job zu behalten, was in den meisten Fälle auch gelungen ist. Allerdings kommen die freischaffenden Journalist*innen nicht in den Genuss der Förderungen. Das zeigen die Länderstudien in Deutschland und Belgien.

Bei genauerer Betrachtung weisen die CoViD-19 Mediensubventionen Unterschiede auf. Während in den meisten Ländern die Gelder als nicht-rückzahlbare Zuschüsse vergeben werden, verpflichten Portugal (€ 15 Millionen) und Großbritannien (€ 39 Millionen) die geförderten Medien dazu, als Gegenleistung öffentliche Kampagnen zu transportieren.

Nur wenige der untersuchten Regierungen haben die Gelegenheit ergriffen, über die Pandemie hinaus eine Strategie zur Bekämpfung der schon vorher bestehenden Digitalisierungskrise der Medien zu entwickeln. In Italien hat die Regulierungsbehörde AGCOM vier Arbeitsgruppen unter Beteiligung von Medienvertreter*innen eingerichtet, um die negativen Auswirkungen auf die Medien zu analysieren. Eine davon beschäftigt sich mit der Frage, wie die um sich greifende Desinformationswelle bekämpften werden kann.

Insgesamt zeigt die Untersuchung der teilnehmenden Länder, dass professionelle Nachrichtenmedien während einer solchen Krise unersetzbar sind. Sie haben an Zustimmung und an Vertrauen gewonnen, während digitale Plattformen das Vertrauen der Menschen weiter verspielt haben. Vielen Regierungen erwiesen sich als unvorbereitet und beschränken sich auf Notmaßnahmen, ohne die Krise als Selektionsmechanismus für längst überfällige Strukturreformen zu verstehen und zu nutzen.

Ansprechperson: Josef Trappel, Universität Salzburg, josef.trappel@sbg.ac.at

Download des Forschungsberichtes (auf Englisch): https://kutt.it/mdm2020-covid

Das Forschungsprojekt Media for Democracy Monitor ist auf einen Langfristvergleich zwischen demokratischen Ländern angelegt. Im Jahr 2010 haben Sozialwissenschaftler*innen aus zehn Ländern nach gemeinsamen, wissenschaftlich entwickelten Indikatoren die Leistung der Medien für zeitgenössische Demokratien untersucht. Die Ergebnisse hat der schwedische Verlag Nordicom in einem kostenlos und online zugänglichen Buch veröffentlicht; sie sind auch auf der Website des Forschungsprojektes abrufbar. Im Jahr 2020 haben sich Fachleute aus 18 Ländern an dem Projekt beteiligt, neben Europäischen Ländern auch Australien, Chile, Hong Kong, Kanada und Südkorea.

Das Forschungsteam hat die Indikatoren leicht angepasst, aber auf die Vergleichbarkeit über den Zeitraum des „Digitalisierungsjahrzehnts“ hinweg geachtet. Die Ergebnisse der gesamten Studien werden im Frühjahr 2021 öffentlich vorgestellt. Das Projekt wird von der Euromedia Research Group durchgeführt, die von Josef Trappel, Professor für Medienpolitik und Medienökonomie am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, und Werner A. Meier, Universität Zürich, geleitet wird. Der niederländische Journalistenfonds unterstützt das Projekt. Kontakt: josef.trappel@sbg.ac.at

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