Univ. Prof. Dr. HOFF Gregor Maria
Univ. Prof. Dr. HOFF Gregor Maria Fundamentaltheologie und Ökumene
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Gregor Maria Hoff

Der Schock der Inkarnation
Überlegungen zur fundamentaltheologischen Bedeutung des Inkarnations-Diskurses

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Gregor Maria Hoff

Die Macht des Schweigens: Papst Franziskus und seine Vorgänger in Auschwitz

Als am 16. Oktober 1943, einem Sabbat, SS-Truppen das jüdische Ghetto in Rom räumten, wurde Papst Pius XII. umgehend informiert. Es gab diplomatische Bemühungen im Hintergrund, die Juden zu retten, aber keinen offiziellen Protest des Vatikan. Wenige Monate vor-her hatte Pius XII. nach einem alliierten Bombenangriff das betroffene Viertel San Lorenzo besucht – bis an die Grenzen des jüdischen Ghettos ist er nicht gekommen. Klugheitserwägungen spielten eine Rolle, die Angst vor Konsequenzen, die zu diesem Zeitpunkt für keinen Juden im Machtbereich des Dritten Reiches hätten schlimmer ausfallen können. 1016 römische Juden wurden nach Auschwitz transportiert, nur 16 überlebten.

Jeder Papst, der das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau betritt, weiß, dass er zu spät kommt. Zu spät für eine schwer zu fassende und bis heute nicht klar benannte Schuld, die traumatisch nachwirkt: vor allem für die Juden, die jüdische Gemeinde Roms zumal, aber auch für die katholische Kirche. Weil das Schweigen Pius XII. sprachlos macht. Die Vorstellung eines Papstes, der 1943 vor den Toren von Auschwitz erschienen wäre, ist anachronistisch und mag absurd wirken. Aber mit der weißen Gestalt jedes Papstes, der heute nach Auschwitz kommt, fehlt etwas.

Auschwitz ist ein Ort, dem kein Papst seit Johannes Paul II. mehr ausweichen kann, weil er die Hölle auf Erden bedeutet. Das hat historische und theologische Gründe. Sie haben mit dem Problem zu tun, die Schuld der Kirche zu bekennen, nicht nur einzelner Glieder. Hat sie wirklich alles getan, was in ihrer Macht stand, um die Juden zu retten? Wer zum Vater im Himmel betet, muss sich dem geschichtlich singulären Versuch aussetzen, das nach biblischem Zeugnis auserwählte Volk auszulöschen. Und wer an den menschgewordenen Gott glaubt, wird in Auschwitz mit der Vernichtung der Menschlichkeit konfrontiert. Die letzten drei Päpste pilgerten ins Heilige Land. Deshalb mussten sie auch an die Pforten der Hölle. Nach katholischer Lehre wird die Kirche mit dem Nachfolger Petri als ihrem Haupt von ihnen nicht überwältigt. Dafür muss man sie aber kennen. Wer in Auschwitz an den Grenzen des Sagbaren Zeugnis für Gott ablegt, muss sich der eigenen Schuldgeschichte stellen. Sonst verschweigt er, was Menschlichkeit vernichtet.

Mit ihren Auschwitz-Besuchen begründeten die letzten drei Päpste eine gelebte Lehrtradition kirchlicher Gewissenserforschung, theologischer Nachdenklichkeit und christlicher Versöhnungshoffnung. Franziskus will in Auschwitz das De Profundis beten: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir.“ Der Papst stimmt einen Psalm an: die Gebetsprache des Juden Jesus und die lebendige Überlieferung Israels. Sonst möchte der Papst schweigen – ein Zeichen der tiefen Trauer, der Verbundenheit mit den Opfern und dem jüdischen Volk, das jeder auf seine Weise auch seine Vorgänger setzten.

Johannes Paul II. kannte Auschwitz aus seiner Zeit als Erzbischof von Krakau, es gehörte zu seiner Diözese. Er kam oft zu Besuch: um zu erinnern, um zu beten. Als Papst setzte er hierZeichen für ein neues Verhältnis der Kirche zum Judentum, geprägt von tiefem Respekt und dem Wissen um Schuld, das im Jahr 2000 in seine Jerusalemer Vergebungsbitte mündete. Von Auschwitz lässt sich der lange Weg der katholischen Kirche zu einer „Reinigung des Gedächtnisses“ und zu einem theologisch vertieften Verständnis des Judentums nachverfolgen.

Seit der Antike war die Geschichte des Christentums von antijüdischen Affekten durchzogen. In den Ablösungsprozessen zwischen Judentum und Kirche gewinnt sie machtpolitisch Oberhand. Als das Christentum im 4. Jahrhundert zur römischen Staatsreligion avanciert, gerät das Judentum zunehmend unter Druck. Theologischem Antijudaismus entsprechen politische Maßnahmen. Die Rechte von Juden werden beschränkt, Zerstörungen von Synagogen und Zwangsbekehrungen nehmen schon Ende des 4. Jahrhunderts zu. Sie legen eine Spur der Verwüstung und Vernichtung an. Die berüchtigten Pogrome der Kreuzzugszeit hatten viele Vorläufer und noch mehr Nachfolger. Jüdisches Leben unter den Bedingungen der christlichen Mehrheitsgesellschaft fand immer unter Vorbehalt statt, nie uneingeschränkt, auch nicht unter den Vorzeichen kaiserlicher und kirchlicher Schutzpolitik. Sie blieb erforderlich – und wurde allzu oft außer Kraft gesetzt. Jüdische Existenz wurde als Ausnahme geregelt. Das geschah kirchlich und wirkte sich gesellschaftlich aus. Auch wenn kein direkter Weg vom theologischen Antijudaismus zum rassistischen Antisemitismus führt, lassen sich mentalitätsgeschichtliche Zusammenhänge kaum bestreiten. Das 4. Laterankonzil (1215) schloss Juden von öffentlichen Funktionen mit Amtsgewalt über Christen aus. Sie mussten sich – wie Muslime („Sarazenen“) – „in jeder christlichen Provinz und zu aller Zeit durch die Art ihrer Kleidung in der Öffentlichkeit von den anderen Völkern unterscheiden“ – um Mischehen zu verhindern. Nicht zuletzt die Sprache dieses Konzils ist von Verachtung durchtränkt.

Das musste Folgen haben. Das Konzil von Florenz (1442) erklärte, dass es außerhalb der Kirche kein Heil gebe. Das betreffe auch die Juden – schuldig des Unglaubens (perfidia). Diese Semantik bestimmt die Karfreitagsfürbitte der tridentinischen Liturgie, um die es bis in die jüngste Gegenwart Auseinandersetzungen gab. Noch das 2. Vatikanische Konzil musste im Rahmen seiner Erklärung Nostra aetate 1965 festhalten, dass man „die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen“ dürfe. Der eindeutigen Verurteilung „aller Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus“ entspricht eine veränderte theologische und religiöse Position. Die „Lehre der Verachtung“ wird überwunden, die Verwurzelung der Kirche im Judentum unmissverständlich zur Geltung gebracht und die Berufung des von Gott erwählten Volkes im Präsens bestimmt. Das haben die Päpste in den folgenden Jahrzehnten zur gelebten Lehre der katholischen Kirche gemacht.

Die Konzilserklärung Nostra aetate entstand unter dem Eindruck der Shoa und war umkämpft. Aber es war den Päpsten des Konzils und der großen Mehrheit der Bischöfe klar, dass die Kirche zur systematischen Vernichtung der Juden nicht schweigen durfte. Seitdem hat sich Entscheidendes verändert. Dennoch wirkt das Schweigen Pius XII. traumatisch nach. Das Wort eines Papstes zum Verhalten seines Vorgängers fehlt bis heute – gerade weil es differenziert ausfüllen müsste und die Ambivalenz der Motive und den historischen Realismus des Machbaren mit der Radikalität des Evangeliums und der Lebenshingabe Jesu (Joh 15,13) zu vermitteln hätte. In Auschwitz ist ein solches Wort nicht zu erwarten. Aber die Haltung des Papstes kann artikulieren, was es heißt, an den Pforten der Hölle von Gott zu sprechen. Dieser Papst weiß um die Fehlbarkeit der Kirche, aber er setzt zugleich auf ihre Lernfähigkeit – gerade in ihrem schuldbestimmten Verhältnis zum Judentum.

Das Schweigen von Papst Franziskus steht unter neuen Vorzeichen und besitzt eine eigene Qualität. Wenn er in Auschwitz schweigt, überstimmt er die Toten nicht. Er hört auf die Überlebenden und stellt sich einer Schuld, von der sich die Kirche nicht freisprechen kann. Gleichzeitig gibt der Papst die Stimmen der Toten nicht verloren. Psalm 130 artikuliert die von Juden und Christen geteilte Hoffnung auf den Gott Israels. Der Papst verkörpert sie für seine Kirche – indem er bis nach Auschwitz geht.

Bei diesem Text handelt es sich um die ursprüngliche Fassung des gekürzt in der ZEIT vom 28.7.2016 veröffentlichten Aufsatzes.

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