17.04.2019

Posttraumatische Belastungsstörung: Wer ist besonders anfällig dafür?

Salzburger Psycholog/innen haben mit bildgebenden Verfahren an Testpersonen beobachtet, was im Gehirn während eines traumatischen Ereignisses passiert. Freilich nicht während eines realen Traumas, sondern während eines experimentell erzeugten Analog-Traumas.

Die Forscher konnten auf individueller Ebene zeigen, dass nur die Kombination aus ungünstiger neuronaler Verarbeitung eines Traumas und bereits durchgemachten negativen Lebensereignissen zu Symptomen der Störung führt. Die Studie wurde im hochrangigen Fachjournal „Biological Psychiatry“ publiziert. 

Bis zu fünf Prozent der Menschen in westlichen Ländern entwickeln im Laufe ihres Lebens eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Sie tritt meist innerhalb eines halben Jahres nach einem traumatischen Ereignis wie körperlicher oder sexualisierter Gewalt, Naturkatastrophen, Kriegen oder Unfällen auf. Von dieser traumatischen Störung betroffene Menschen werden im Alltag plötzlich und unkontrollierbar von der Erinnerung an das schreckliche Geschehen überflutet und in die traumatische Situation zurückversetzt. In der Psychotraumatologie spricht man von einer Intrusion, welche ein Kernsymptom der PTBS darstellt. Die extremste Form der Intrusion ist der Flashback.

„Wenn wir besser verstehen, warum manche Menschen nach einem psychischen Trauma anfälliger für Intrusionen sind, wohingegen andere resilient zu sein scheinen, könnten wir das gezielt für die Prävention und die Therapie von Posttraumatischen Belastungsstörungen nutzen“, sagt Projektleiter Frank Wilhelm. Der Professor für Klinische Psychologie und Leiter des Labors für Klinische Stress- und Emotionsforschung der Universität Salzburg ist auf die Erforschung von Angststörungen und Traumafolgen spezialisiert.  

Eine bisher ungeklärte Frage zu den Risiko- und Resilienz-Faktoren für Intrusionen war, welche Rolle dabei die neuronale Verarbeitung während eines Traumas spielt. Da es unmöglich ist, dies an realen Traumata zu erforschen, haben die Salzburger Forscher ein Experiment (Analog-Modell) entwickelt, mit dem sie ein traumatisches Erlebnis auf einem niedrigen und tolerierbaren Niveau simulieren und im Gehirnscanner in Echtzeit beobachten konnten.

Julina Rattel, Doktorandin bei Frank Wilhelm im Labor für Klinische Stress- und Emotionsforschung ist die Erstautorin der Studie: „Wir zeigten 53 weiblichen Versuchspersonen aversive Filmausschnitte mit interpersoneller Gewalt und körperlichen Verletzungen im fMRT, zum Beispiel einige Szenen aus dem Oskar prämierten Hollywood-Thriller „127 Hours“. Mit der fMRT, der funktionellen Magnetresonanztomographie können die dabei aktivierten Hirnareale in hoher räumlicher Auflösung dargestellt werden. Dies ermöglich es uns zu untersuchen, wie das Gehirn mit derartigen emotionalen Ereignissen umgeht,“ sagt die 27Jährige.

In den darauffolgenden Tagen dokumentierten die Versuchspersonen anhand von Smartphone-basierten Fragebögen ihre  intrusiven und belastenden Erinnerungen an diese Filmszenen. „Es zeigte sich ein klarer Zusammenhang zwischen einer Überaktivierung in bestimmten Hirnregionen - nämlich denjenigen, die insbesondere für die Verarbeitung von Bedrohung, für Emotionsregulation und die Abspeicherung von Gedächtnisinhalten zuständig sind - und vermehrten Intrusionen. Dies war jedoch nur bei denjenigen Personen der Fall, die - laut ihren Fragebogenangaben -  zuvor schon 5 oder mehr belastende Lebensereignisse erlebt hatten“. Wer keine oder nur wenige solche Lebensereignisse berichtet hatte, dessen Gehirnareale waren zwar ebenfalls aktiv, aber es kam in der Folge nicht zu dem intrusiven und belastenden Wiedererleben der Filmszenen.

Es ist schon seit längerem bekannt, dass frühere, vor allem in der Kindheit erlebte negative Lebensereignisse die Vulnerabilität gegenüber einer PTBS erhöhen. „Unsere Ergebnisse zeigen signifikant auf, dass dies durch spezifische vulnerable Gehirnnetzwerke erklärt werden kann, die durch wiederholte Lebensereignisse sensitiviert zu sein scheinen und bei entsprechender Reaktivierung zu Symptomen der Posttraumatischen Belastungsstörung führen.“

Die Salzburger Studie ist die erste, die auf individueller Ebene untersucht hat, wie stark beim Auftreten von Intrusionen die Trauma-Verarbeitung im Gehirn und bestehende Vortraumatisierungen zusammenspielen.  

Die Befunde der Salzburger Psychologen könnten helfen, gefährdete Personen zu identifizieren und potentielle Ansatzpunkte für präventive Interventionen nach traumatischen Erlebnissen zu entwickeln, sagt Julina Rattel. „Es stellt sich die Frage, ob man eventuell durch Emotionstraining die Befunde umkehren kann. Wenn Personen, die schon mehrere traumatische Erlebnisse hatten, ein Emotionsregulationstraining bekommen, welches spezifisch auf die von uns identifizierten Gehirnnetzwerke wirkt, sollte das zu einer höheren Resilienz gegenüber realen traumatischen Erlebnissen führen. Da sind wir dran.“  

Für Frank Wilhelm bestätigt die Studie einmal mehr die gesellschaftliche Verantwortung bei der Prävention von psychischen Störungen, insbesondere im Kindesalter. „Etwa 50 Prozent der psychischen Störungen haben ihre Wurzeln in der Kindheit, aufgrund von erlebter emotionaler, körperlicher oder sexueller Gewalt – zuhause oder in anderen Kontexten, denken Sie an den Missbrauchsskandal in der Kirche. Aber auch Vernachlässigung aufgrund eines dysfunktionalen Elternhauses ist ein Problem.“  Die meisten dieser Kinder würden als Erwachsene keine psychischen Störungen entwickeln, wenn es die Traumatisierungen nicht gegeben hätte, sagt Wilhelm. „Die Gesellschaft muss daran arbeiten, dass diese Missstände beseitigt werden. Ein aus wissenschaftlicher Sicht effektiver und aus gesundheitsökonomischer Sicht kostengünstiger Weg wäre, dass Eltern, am besten schon bevor sie Kinder bekommen, ein Elternkompetenztraining durchlaufen und eine Art Elternführerschein machen. Dabei könnten sie lernen, wie sich gravierende Fehler vermeiden lassen und sie könnten frühzeitig erkennen, wenn ihren Kindern psychische Traumatisierungen zugefügt werden und darauf adäquat reagieren.“

Die Forschung von Julina Rattel wurde am Fachbereich Psychologie und am Centre for Cognitive Neuroscience (CCNS) als Teil des vom FWF finanzierten Doktoratskollegs „Imaging the Mind“ durchgeführt. Das international angesehene Ausbildungsprogramm hat der Jungwissenschaftlerin auch ein Auslandssemester in den USA an der UCLA bei Prof. Dr. Michelle Craske, einer der weltweit führenden klinischen Psychologinnen, ermöglicht. Das Doktoratskolleg  wurde vor kurzem vom FWF für eine weitere Förderperiode von 4 Jahren verlängert und stellt somit auch für die Zukunft an der Universität Salzburg eine exzellente, neurowissenschaftlich fundierte Ausbildung und hochwertige Forschung von JungwissenschaftlerInnen sicher.

Publikation:  
"Peritraumatic Neural Processing and Intrusive Memories: The Role of Lifetime Adversity," by Julina A. Rattel, Stephan F. Miedl, Laila K. Franke, Lisa M. Grünberger, Jens Blechert, Martin Kronbichler, Victor I. Spoormaker, and Frank H. Wilhelm (https://doi.org/10.1016/j.bpsc.2018.12.010). Erscheint in: Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging, published by Elsevier.

Foto: Julina Rattel und Professor Frank Wilhelm
Fotonachweis: Kolarik

Kontakt:  
Julina A. Rattel, MSc
Universität Salzburg, Fachbereich Psychologie, Abteilung für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Gesundheitspsychologie
Hellbrunnerstraße 34
5020 Salzburg
t.: +43 (0) 662 8044-5164
Email: julina.rattel@sbg.ac.at

Univ.-Prof. Dr. Frank Wilhelm
Universität Salzburg, Fachbereich Psychologie, Abteilung für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Gesundheitspsychologie
Hellbrunnerstraße 34
5020 Salzburg
t.: +43 (0) 662 8044-5103
Email: frank.wilhelm@sbg.ac.at

 

Mag. G. Pfeifer

PR-Leitung

Universität Salzburg

Kapitelgasse 4-6

Tel: 0662/8044-2435

E-Mail an Mag. G. Pfeifer

  • ENGLISH English
  • News
    Am 22.10.2019, 17:00 – 20:00 Uhr, findet im Europasaal auf der Edmundsburg die Tagung "Erosion der Rechtsstaatlichkeit" statt. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung der Menschenrechte zählen zu den tragenden Säulen der europäischen Ordnung. In den letzten Jahren kommen diese Werte jedoch in einigen Staaten zunehmend unter Druck.
    Auf der 122. Jahrestagung in Paderborn wurde die Salzburger Erziehungswissenschaftlerin Sabine Seichter in den Vorstand der interdisziplinären und internationalen Görres-Gesellschaft gewählt.
    „Die Paris-Lodron-Universität Salzburg gratuliert ihrem Ehrendoktor Peter Handke sehr herzlich zur Verleihung des Literaturnobelpreises 2019“, betont Rektor Hendrik Lehnert. Ihre Verbundenheit mit Leben und Werk des bedeutenden österreichischen Autors dokumentiere sich auf mehrfacher Ebene, insbesondere mit den Salzburger Germanisten und dem Literaturarchiv, so Lehnert.
    Die BatterieforscherInnen vom Fachbereich Chemie und Physik der Materialien der PLUS gratulieren herzlichst und freuen sich mit den drei frischgekürten Nobellaureaten John B. Goodenough, M. Stanley Whittingham und Akira Yoshino!
    Am 18. September 2019 startete der zweite Durchgang von Karriere_Mentoring III, dem Karriereentwicklungsprogramm für Wissenschafterinnen (Dissertantinnen und Habilitandinnen) der Universitäten Krems, Linz und Salzburg.
    Geschichte in Regionalmuseen, aber wie? Eine Ringvorlesung in Kooperation mit dem Landesverband der Salzburger Museen und Sammlungen diskutiert Konzepte und Praxis.
    Der Mond als hellstes Nachtgestirn mit seiner im Laufe des Monats wechselnden Gestalt, seinem Verschwinden bei Neumond oder dem Ausnahmeereignis einer Finsternis hat Menschen aller Zeiten, so auch im Alten Ägypten, zur Reflektion über Ursachen und Wirkungen dieser Phänomene angeregt.
    Der Fachbereich Slawistik möchte Sie zusammen mit dem Kulturzentrum DAS KINO sehr herzlich zum vierten Teil unserer erfolgreichen Kinoreihe der ost- und mittelosteuropäischen Filme einladen. Im Rahmen des Filmklubs „Slawistyka, Slavistika, Cлавистика“ werden preisgekrönte aktuelle polnische, russische und tschechische Filme mit gesellschaftlicher und politischer Thematik gezeigt.
    Become an expert in EU politics, law and economics
    Demokratie und Rechtsstaat scheinen in Europa schon bessere Zeiten erlebt zu haben. Die jüngsten Entwicklungen in vielen Staaten weisen auf einen Abbau von Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Demokratie hin.
    Am Dienstag, den 22. Oktober 2019 findet im Salzburg Congress das Karriereforum, die große Jobmesse der Salzburger Nachrichten mit Workshop-Programm statt. Die Universität Salzburg ist zum 13. Mal Partner dieser in Salzburg größten Karriereplattform.
    Am 24.10.2019 finden zum zweiten Mal die im Vorjahr in Kooperation zwischen dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und dem Fachbereich für Arbeits- und Wirtschaftsrecht der Universität Salzburg ins Leben gerufenen Salzburger Sozial- und Medizinrechtstage statt. Ziel dieser Veranstaltungsreihe ist die Diskussion aktueller Fragen der Sozialversicherung aus dem Blickwinkel von Wissenschaft und Praxis.
    Dr. Beate Apfelbeck hält am 25. Oktober 2019 um 14:00 Uhr im Hörsaal 413 der NW-Fakultät einen Gastvortrag zum Thema "Maternal investment strategies of a cooperatively breeding forest specialist in degraded cloud forest fragments". Der Fachbereich Biowissenschaften lädt herzlich dazu ein!
    Am 25. Oktober findet in der Großen Aula das Auftaktfest zum 20-jährigen Jubiläum des Chinazentrums statt. Es werden verschiedene Aufführungen stattfinden, unter anderem chinesischer Tanz, traditionelle chinesische Akrobatik und chinesische Musik. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, bei freiem Eintritt dabei zu sein.
    Am 31.10.2019 veranstaltet das WissensNetzwerk Recht, Wirtschaft und Arbeitswelt der Universität Salzburg ein Symposium zur Ertragsbesteuerung von Personengesellschaften (Mitunternehmerschaften).
    DONNERSTAG, 21.11.: VORTRÄGE (8.30-19.00h) bei Wissenschaft & Kunst, Bergstr. 12a, KunstQuartier, Atelier 1.OG // FREITAG, 22.11.: EXKURSION (8.30-16.00h) Gedenkstätte Konzentrationslager Ebensee, Gedenkstätte Mauthausen. Abfahrt: 8.30 Uhr Unipark Nonntal, Erzabt-Klotz-Straße 1
  • Veranstaltungen
  • 21.10.19 Dr. Gilles R. Bourret Venia: „Materialwissenschaft“
    22.10.19 Dr. Roland Geisberger Venia: „Molekulare Biologie“
    23.10.19 Praxisdialog im Steuerrecht
    24.10.19 Salzburger Sozial- und Medizinrechtstage "Umsetzung der Neuorganisation der Sozialversicherung"
    24.10.19 Effects of short-wavelength light on non-visual re-sponses: The role of S cones and rods
    24.10.19 Salzburger Museen und Sammlungen - Geschichte vor Ort. Turmmuseum Zell am See. Die Neugestaltung eines Regionalmuseums mit internationalem Publikum
  • Alumni Club
  • PRESSE
  • Uni-Shop
  • VERANSTALTUNGSRÄUME
  • STELLENMARKT
  • Facebook-Auftritt der Universität Salzburg Twitter-Auftritt der Universität Salzburg Instagram-Auftritt der Universität Salzburg Flickr-Auftritt der Universität Salzburg Vimeo-Auftritt der Universität Salzburg